In meinem Berufsalltag als Fotograf stehe ich Woche für Woche vor derselben Herausforderung. Egal ob ich den lokalen Schreiner für seine neue Website ablichte oder den Personal Trainer für seinen Instagram-Kanal: Sobald ich die Kamera auf sie richte, verfallen fast alle in genau zwei Verhaltensmuster.
Entweder sie frieren komplett ein – oder sie greifen zu den zwei größten Klassikern der Posing-Hölle: Dem verschränkten Arm-Panzer und dem krampfhaften Bizeps-Anspannen.
Ich verstehe, woher das kommt. Wenn man nicht täglich vor der Linse steht, sucht man Halt. Aber als Fotograf muss ich euch sagen: Ihr ruiniert damit euer Marketing.
Warum diese Posen auf eure Kunden völlig falsch wirken und wie wir auf eurem nächsten Fotoshooting echte Authentizität einfangen, erkläre ich euch hier.
1. Der Schreiner mit den gepanzerten Armen
Neulich hatte ich einen fantastischen Tischlermeister im Studio. Ein Typ mit jahrzehntelanger Erfahrung, der die schönsten Holzmöbel der Region baut. Was macht er, als das Blitzlicht angeht? Er verschränkt die Arme, zieht die Augenbrauen zusammen und schaut starr in meine Linse.
Mein Eindruck durch den Sucher: „Dieser Mann verkauft keine maßgefertigten Küchentische, dieser Mann treibt Schutzgeld ein.“
Das Problem: Verschränkte Arme signalisieren unbewusst eine Mauer. Wenn ein Kunde euch auf der Website sieht, möchte er das Gefühl haben, dass ihr ansprechbar, nahbar und freundlich seid. Ihr wollt doch, dass er euch bei sich zu Hause die Tür öffnet! Ein verschränkter Arm-Panzer strahlt aber Abwehr und sture Härte aus.

Wie ich das als Fotograf löse:
Ich drücke meinem Handwerker sein Werkzeug in die Hand. Sobald er Hobelmasse abträgt, Holz anfasst oder mir einfach nur erklärt, worauf es bei einer guten Holzmaserung ankommt, vergisst er die Kamera. Die Arme sind beschäftigt, die Haltung wird locker, das Gesicht entspannt sich. Das Foto zeigt plötzlich Leidenschaft statt Abwehr.
2. Der Fitness-Trainer im Dauerkrampf
Noch extremer ist es in der Fitnessbranche. Wenn ich Personal Trainer fotografiere, sehe ich oft Männer und Frauen, die auf jedem einzelnen Bild versuchen, sämtliche Muskelgruppen gleichzeitig anzuspannen.
Da wird die Luft angehalten, die Zähne werden zusammengebissen, und die Arme werden so angewinkelt, dass der Bizeps maximal raussticht.
Der Effekt auf potenzielle Kunden: „Wenn ich mit dem trainiere, überlebe ich das erste Aufwärmen nicht. Der Typ ist mir viel zu anstrengend.“
Die meiste Kundschaft im Fitnessbereich – egal ob Abnehmwillige, Büroarbeiter mit Rückenschmerzen oder Einsteiger – sucht Motivation, Empathie und Führung. Ein Trainer, der auf jedem Foto aussieht, als stünde er kurz vor dem Aderplatzen, wirkt nicht professionell, sondern selbstreferenziert und abschreckend.
Wie ich das als Fotograf löse:
Ich lasse den Trainer nicht für die Kamera posieren, sondern in Interaktion treten. Ich stelle einen Statisten hin und bitte den Trainer, ihm eine Übung zu korrigieren. In dem Moment, in dem der Trainer erklärt, lacht und die Hände zur Hilfestellung nutzt, entsteht genau das, was Neukunden suchen: Kompetenz, Zugewandtheit und Nahbarkeit. Der durchtrainierte Körper ist auf dem Foto sowieso sichtbar – ganz ohne Krampf.
Mein Appell an alle Handwerker und Trainer da draußen
Wenn ihr das nächste Mal ein Fotoshooting für eure Website oder Social Media habt, merkt euch diese drei Regeln, die ich meinen Kunden immer mit auf den Weg gebe:
- Versteckt eure Hände nicht: Hände bauen Vertrauen auf. Sie zeigen, dass ihr anpackt oder führt.
- Atmet aus: Die besten Fotos entstehen kurz nach dem Ausatmen, wenn die Spannung aus den Schultern weicht.
- Macht etwas: Lasst den Fotografen eure Arbeit dokumentieren, statt eine Rolle für ihn zu spielen.
Eure Kunden kaufen nicht eure vermeintliche Härte oder euren Oberarmumfang – sie kaufen euer Können und euer Vertrauen. Und das zeigt man am besten mit offenem Visier.
